Unrecht: Was ist eine Verbitterungsstörung?

Die Corona-Pandemie als Auslöser

Die Psychologische Psychotherapeutin Beate Muschal von der Technischen Universität Braunschweig und ihre Kollegen stellten Verbitterungsgefühle in der deutschen Bevölkerung vor und nach Beginn der Pandemie fest. Sie nutzten den sogenannten PTED-Fragebogen, ein Instrument, mit dem „ereignisbedingte“ Bitterkeit ermittelt werden kann (siehe „Diagnose: Bitterkeit“). Sie stellten fest, dass die Empfindung deutlich zugenommen hatte: 2019 litten nur drei Prozent der Bevölkerung unter schmerzhafter Bitterkeit. Beim zweiten Lockdown im Winter 2020 zeigten insgesamt 16 Prozent der mehr als 3.200 Teilnehmer erhöhte Verbitterung. Die meisten von ihnen berichteten von einer sozialen oder wirtschaftlichen Belastung wie dem Verlust des Arbeitsplatzes.

Diagnose: Bitterkeit

Es gibt verschiedene Möglichkeiten, den Grad der Bitterkeit zu bestimmen. Wenn Psychologen Emotionen als Reaktion auf ein bestimmtes Ereignis aufzeichnen möchten, wird der PTED-Fragebogen verwendet. Er enthält 21 Aussagen, mit denen sich die Patienten auf einer Skala von 0 („stimme nicht zu“) bis 4 („stimme voll und ganz zu“) identifizieren sollen. Beispielsweise werden sie gebeten, sich an das Geschehene zu erinnern und einzuschätzen, wie „bitter“ und „verletzt“ sie sich seitdem gefühlt haben. Mit Hilfe des PTED-Fragebogens können normale Formen von Bitterkeit von pathologischen unterschieden werden. Eine durchschnittliche Gesamtpunktzahl von 1,6 steht für „Intensivierung“ und eine Punktzahl von 2,5 für „klinisch signifikante“ Bitterkeit.

Mit dem BVI (Berner Bitterness Inventory) hingegen lässt sich Verbitterung als ein Persönlichkeitsmerkmal definieren, das bei allen Menschen mehr oder weniger stark vorhanden ist. Mit 18 Aussagen wie „Fehler werden bemängelt, Zusagen werden nicht erfüllt“ fordert der BVI allgemeine Bewertungen im privaten und beruflichen Kontext. Vier Bereiche werden abgedeckt. 1: emotionale Bitterkeit (ein subjektiv empfundenes Gefühl), 2: Leistungsbitterkeit (ein Missverhältnis zwischen Anstrengung und Anerkennung), 3: Pessimismus und Hoffnungslosigkeit (die Vergeblichkeit der eigenen Bemühungen) und 4: Menschenverachtung (drückt Hass und Wut aus andere). Auch hier wird eine fünfstufige Skala verwendet. Die Werte werden aufsummiert und ergeben unterschiedliche Intensität der Bittere.

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Mithilfe des PTED- und BVI-Fragebogens beurteilen die Patienten ihre Gefühle selbst. Um Bitterkeitsgefühle von anderen negativen Emotionen und eine posttraumatische Bitterkeitsstörung von anderen Erkrankungen abzugrenzen, sollten Therapeuten ihre Patienten auch in einem standardisierten Interview befragen.

Linden M et al Selbstberichtsskala der posttraumatischen Belastungsstörung (PTED-Skala). Klinische Psychologie und Psychotherapie 16, 2009;

Linden, M. et al.: Diagnostische Kriterien und standardisiertes diagnostisches Interview zur Posttraumatischen Belastungsstörung (PTED). Internationale Zeitschrift für Psychiatrie in der klinischen Praxis 12, 2008;

Znoy, H.: BVI. Berner Bitterstoff-Inventar. Hogrefe, Göttingen, 2008

In eine ähnliche Richtung weisen die Ergebnisse einer Forschungsgruppe um die Psychologin Cornelia Betsch von der Universität Erfurt. Nach Ausbruch der Pandemie haben Experten im Rahmen der sogenannten COSMO-Studie rund 1.000 Menschen in regelmäßigen Abständen zu ihrer Lebenszufriedenheit und psychischen Gesundheit befragt. Sie fanden heraus, dass die „klinisch wichtige“ Bitterkeit in ihrer Probe bis zum Winter 2021 auf 8,8 Prozent anstieg. Im Sommer 2020 – also nach dem ersten Lockdown – lagen die Werte noch bei 5,3 Prozent.

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Es ist nichts Neues, dass Menschen verbittert auf gesellschaftliche Veränderungen reagieren. Emotionen erfassten viele Menschen auf dem Gebiet der ehemaligen DDR, deren Leben sich nach dem Mauerfall von Tag zu Tag radikal veränderte. Ihre Werte, Normen und Lebensweisen verloren plötzlich ihre Bedeutung und wurden manchmal belächelt. Aus der anfänglichen Euphorie wurde Enttäuschung, als Menschen arbeitslos wurden, sich ihre Lebensbedingungen verschlechterten und sie keine Perspektive mehr für sich sahen. Zehn Jahre nach der Wiedervereinigung fühlten sich viele als Menschen zweiter Klasse und suchten eine Behandlung für PTSD.

Als die Sewol-Fähre 2014 in Südkorea bei einem Schiffbruch sank und mehr als 250 Studenten tötete, reagierten laut einer Studie von Jung-Ho Chae von der Katholischen Universität Korea aus dem Jahr 2018 auch viele Angehörige verbittert. Grund dafür waren die Versuche der Regierung, das Fehlverhalten der Täter zu verschleiern. Viele politische Auseinandersetzungen, wie etwa der Konflikt in Nordirland, sind nur im Zusammenhang mit Verbitterung zu verstehen. Alles verzehrende Gefühle verhindern wahre Trauer, was besonders tragisch für Opfer ist, die für Gerechtigkeit kämpfen.

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Daher ist Bitterkeit eine ziemlich häufige Krankheit, die die gesamte Bevölkerung betreffen kann. Doch obwohl Emil Kraepelin die Pathologie bereits ausführlich beschrieben hat und Menschen mit posttraumatischer Bitterkeitsstörung unter enormem Leid leiden, wird sie oft übersehen. Das mag daran liegen, dass die Reaktionen der Opfer auf den ersten Blick offensichtlich sind und für Familie und Freunde einen „guten Grund“ haben. Wer möchte nicht, dass sich der Kapitän der sinkenden „Sevola“, der als erster mit der Besatzung aus dem Schiff floh und die Kinder zurückließ, vor Gericht verantworten würde? Und ist es nicht klar, dass ein erfolgreicher Musiker aus der ehemaligen DDR enttäuscht ist, wenn die staatliche Förderung seiner Musik plötzlich stoppt? Mitfühlen fällt Stephanie F. nicht schwer, die den Lockdown als „unfair“ empfand: Immerhin war die Ansteckungsgefahr in ihrem kleinen Laden tatsächlich geringer als im Supermarkt nebenan.

Deshalb übersehen auch Fachleute manchmal, dass das eigentliche Problem nicht in vergangenen Ereignissen, sondern in gegenwärtigen, lähmenden Emotionen liegt. Schon Kraepelin schrieb, die Krankheit werde oft „erst nach langer Zeit erkannt, weil ein gut erhaltenes Gedächtnis und eine flüssige Sprache und Schrift pathologische Merkmale aus der Sicht des Beobachters verbergen“. Weil verbitterte Menschen andere Symptome zeigen, diagnostizieren Therapeuten oft zu schnell eine Depression.

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