Reiner Calmund schimpft nach DFB-Debakel und hat eine Idee für Flick

Archiv - 10.03.2022, Saarland, Saarlouis: Reiner Calmund, aufgezeichnet nach dem Gespräch

Rainer Calmand warnte im Vorfeld der WM vor zu viel Kritik an Katar. Er glaubt, dass das Gerede über die One-Love-Armbinde der Leistung der deutschen Mannschaft geschadet hat. Bild: dpa/Oliver Dietz

WM 2022

07.12.2022, 15:4007.12.2022, 15:44

Ronja Brier

Reiner Kalmond ist eigentlich jemand, den man selten schlecht gelaunt sieht. Als Journalist erreichen Sie immer. Und der immer mit einem einfachen Spruch antworten kann. Auch jetzt, kurz nach der WM der deutschen Nationalmannschaft, geht der Ex-Fußballfunktionär ans Telefon – obwohl er gerade als Experte auf einem Kreuzfahrtschiff im Persischen Golf unterwegs ist. Doch diesmal ist die Stimmung nicht gut.

Das Interview bewegt sich zwischen Ernüchterung und leidenschaftlicher Wut über das Scheitern der Nationalmannschaft Und der deutsche Fußball allgemein – natürlich auch für Hansi Flick als Trainer eine Lösung.

Watson: Herr Calmand, wie ist Ihre Stimmung seit der Niederlage der deutschen Nationalmannschaft bei der Weltmeisterschaft?

Rainer Kalmond: Ich bin ein absoluter Fußballverrückter wie viele Millionen Menschen in Deutschland. Das Ergebnis ist das Wichtigste bei einem Turnier wie diesem. Wenn man zum zweiten Mal in Folge aus der Vorrunde der WM in Katar ausscheidet, ist das nicht nur ärgerlich. Außerdem haben wir den Ruhm auch bei der letzten Europameisterschaft nicht verheimlicht. Natürlich war ich sehr deprimiert und daher nicht in bester Stimmung.

„Wir haben in den Medien schon so viel Aufhebens um die Mannschaft gemacht. Das ist völliger Blödsinn.“

Ehemaliger Fußballfunktionär Reiner Kalmond

Die Nationalmannschaft wurde in den vergangenen Tagen heftig kritisiert. Zu heftig oder völlig gerechtfertigt?

Ich sehe das etwas anders. Damit scheidet die Nationalmannschaft bereits zum zweiten Mal in der Vorrunde der WM aus, was viele Fans verärgert hat. Und das ist auch völlig verständlich. Leider haben wir in Katar statt des WM-Titels das Dummheitsabzeichen gewonnen, und das haben wir verdient, weil wir vorher in den Medien so viel Aufhebens um die Mannschaft gemacht haben. Das ist völliger Unsinn.

Sie meinen Gespräche über Katar als Gastland?

Nimm das One Love Armband. Alle Diskussionen darüber werden wirklich nur von Ahnungslosen geführt. Seit Jahrzehnten gibt es klare Regeln. Trägt ein Team ein Trikot, ist klar geregelt, wie groß das Logo sein darf. Und die offensichtlichere Regel ist, dass keine Symbole oder Aufschriften mit sozialen, politischen oder religiösen Themen auf dem Trikot erlaubt sind. Das ist in der Bundesliga genauso und auch bei der WM nicht anders. Sie sollten dort nicht passieren.

Und im Prinzip entscheiden das die Verbände, in diesem Fall die FIFA, so. Es soll um Fußball gehen. Daher sind den Vereinen neben dem Logo und zusätzlicher Werbung nur die Rückennummer und der Name erlaubt. Lange Diskussionen darüber waren zwecklos und sorgten für viel Unruhe im Team.

“Es ist nicht Halma, es ist kein Schach, es ist kein Eiskunstlauf – beim Fußball geht es um Tore.”

Ex-Leverkusen-Trainer Reiner Kalmond

Hat das Gerede vom One Love Armband also der deutschen Mannschaft und ihrer Leistung geschadet?

Die Diskussion störte deutlich die Konzentration der Spieler. Ich möchte den Sportsgeist des Teams nicht entschuldigen. 4:2 gegen Costa Rica und Unentschieden gegen Spanien waren auch okay. Im ersten Spiel gegen Japan gab es einen entscheidenden Fehler. Eine Niederlage gegen einen Außenseiter hätte in dieser Form nicht passieren dürfen. Es ist nicht Halma, es ist kein Schach, es ist kein Eiskunstlauf – beim Fußball geht es um Tore. Und wir haben uns in Japan eindeutig geirrt.

Oliver Bierhoff ist inzwischen zurückgetreten. Ist das korrekt?

Oliver Bierhoff zieht die Konsequenzen, das muss man akzeptieren. Er erzielte auch seine Erfolge. Der WM-Titel 2014 und die Gründung der Deutschen Fußballakademie werden immer mit seinem Namen verbunden sein. Aber im Fußball und in der Nationalmannschaft dreht sich alles um den Erfolg. Scheitern sie bei drei Major-Turnieren in Folge, wird Kritik aufkommen.

Er traf seine eigene Entscheidung, zurückzutreten. Wenn man das in so einer Situation nicht macht, wird man im Fußball ziemlich schnell gefeuert. Also müssen wir seine Entscheidung akzeptieren – und seine Leistungen nicht vergessen.

Willst du, dass der Hansi-Streifen weitergeht?

Über die Leistungen mancher WM-Spieler kann man durchaus kritisch diskutieren. Aber aus meiner Sicht hat Hans Flick die bestmögliche Mannschaft nominiert. Das Problem ist: Wir haben keine Weltklasse-Qualität mehr im Angriff und wir haben auch nicht viel Vertrauen in die Abwehr.

Also: Weiter mit dem Streifen?

Im Vorfeld der Europameisterschaft in den nächsten anderthalb Jahren muss die Mannschaft hart an der Qualität arbeiten. Bedarf besteht bei Hansi Flick, aber auch bei Vereinen. Ich würde sagen, dass Hansi Flick jetzt kurzfristig von einem erfahrenen Sportdirektor unterstützt wird. Da in naher Zukunft keiner der derzeit erfolgreichen Vereinsmanager den Zuschlag für den DFB bekommt, denke ich an ein cleveres Haudegen, das Hansi Flick in den nächsten 18 Monaten vor der Europameisterschaft unterstützen wird.

Das könnten Karl-Heinz Rummenigge, Rudi Voller, Lothar Matthews, Michael Zoerck oder Matthias Summer sein. Alle sind zwischen 55 und 60 Jahre alt und mit dem internationalen Fußball vertraut. So verteilt sich der Druck auf viele Schultern. Und wenn Hansi Flick anderthalb Jahre mit einem neuen Sportvorstand übersteht, hat der DFB reichlich Zeit, einen geeigneten Nachfolger zu finden.

Hansi Flick (rechts), hier mit Lothar Mathews, Trainer der Nationalmannschaft.

Hansi Flick (rechts), hier mit Lothar Mathews, Trainer der Nationalmannschaft.Bild: dpa / Christian Charisius

Wichtig ist, dass dieser Kandidat nicht auch für die Fußballakademie und Nachwuchsförderung zuständig ist. Das sind eindeutig zwei Jobs jetzt und in Zukunft!

Wie sehen Sie die Chancen der EM 2024 in Deutschland?

Unser Torhüter ist kein Problem, Manuel Neuer ist Weltklasse. Und wenn er in anderthalb Jahren gesundheitliche Probleme hat, wie viele denken, haben wir noch genug Qualität im Vorstand. In der Abwehr brennt der Baum nicht mehr direkt, aber wir müssen den Spielern trotzdem klare Anweisungen geben. Kein Ärger, das Wichtigste ist die Sicherheit vor dem Ziel. Aber in anderthalb Jahren kann man das gut machen.

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Joshua Kimmich und Leon Goretzka sind hochkarätige, international erfahrene Spieler im defensiven zentralen Mittelfeld. Und dann haben wir noch ein sehr junges, kreatives Trio im offensiven Mittelfeld. Ich behaupte, dass Jamal Musiala, Florian Wirtz und Kai Havertz in der Offensive absolute Weltklasse sind. Ich glaube, allen ist nach dem Spiel gegen Costa Rica klar geworden, dass Kai Havertz seine Sonderklasse und Torgefährlichkeit nur hinter den Stürmern zeigen kann. Niklas Fulkrug enttäuschte bei seinen kurzen Auftritten an der Spitze des Sturms nicht. Zwei Tore und eine Vorlage sind eine gute Bilanz. Für die kommende EM sollen sich aber zwei gute Alternativen etablieren.

“Was mich gereizt hat, war Brasilien. Pele war im Krankenhaus, als er schwer krank war (…) da bekommt man Gänsehaut.”

Ex-Leverkusen-Trainer Reiner Kalmond

Und auf wen setzen Sie jetzt als Weltmeister?

Ich bin immer noch emotional angesichts dieser WM. Europa ist mit Frankreich, England, Holland, Portugal und wie 2018 wieder Kroatien stark vertreten. Aber was mich angezogen hat, war Brasilien. Mit Pele, der schwer krank war, war ich im Krankenhaus befreundet. Der wohl beste Spieler der Welt auf seinem Sterbebett! Und er drückt seiner Mannschaft noch immer ganz nah die Daumen. Jetzt spielt das Team für Pele und schießt für ihn. Das ist Teamgeist! Sie werden Gänsehaut bekommen.

Und das argentinische Team, in dem Messi erneut um seinen lang ersehnten ersten WM-Titel kämpfen will, ist einer meiner Favoriten. Oder die Holländer ihr Party-Biest Van Gaal. Das sind pure Emotionen und die braucht man, um große Titel zu gewinnen. In Deutschland war es uns dieses Jahr wichtig zu reklamieren – schade.

Das enttäuschende Ergebnis von 2018 wiederholte sich eigentlich: Auch die deutsche Nationalmannschaft schied in der Vorrunde der WM in Katar aus. Im ersten Spiel verlor die DFB-Elf gegen Japan, im zweiten Spiel gegen Spanien gelang den Deutschen dank des neuen Fanlieblings Niklas Fulkrug ein Unentschieden. Konnte aber nach einem 4:2-Sieg gegen Costa Rica das Achtelfinale nicht erreichen.

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