Ergebnisse der Klimakonferenz: “Als Wissenschaftler bin ich enttäuscht”


ein Interview

Stand: 20.11.2022 15:31 Uhr

Zu wenig, zu vage und zu langsam: Klimaforscher Pörtner enttäuscht über Ergebnisse der Klimakonferenz. Das Ziel von 1,5 Grad sei bereits außer Reichweite, sagte er tagesschau24-Das Interview.

tagesschau. de: Sie waren bei der Klimakonferenz fast die ganze Zeit in Ägypten. Aus akademischer Sicht: Wie zufrieden sind Sie mit der Abschlussarbeit?

Hans-Otto Pörtner: Mit einigen Aspekten bin ich mäßig zufrieden. Im abschließenden Artikel werden Berichte des Intergovernmental Panel on Climate Change (IPPC) prominent zitiert. Als generelles Ziel wird auch auf ein Ziel von 1,5 Grad verwiesen. Es wurde jedoch kein Durchbruch in dem Sinne erreicht, dass dieses Ziel mit hoher Priorität verfolgt werden sollte. Vage Formulierungen, die Ausstiege zulassen, werden eher erwähnt. Und es spiegelt auch die Diskussionen der vergangenen Tage und die unveränderten Strategien mancher Akteure über die letzten Jahre wider. Vor allem diejenigen, die fossile Brennstoffe verkaufen wollen, und diejenigen, die glauben, dass die wirtschaftliche Entwicklung ihnen das Recht gibt, fossile Brennstoffe in großem Umfang zu nutzen.

tagesschau. de: Der Abschied von Öl und Gas ist in der Abschlusserklärung nicht direkt enthalten. Bedeutet das, dass sich auch in diesem Bereich nichts tut?

Porter: Das ist natürlich eine Art Krücke. Es ist die Rede davon, dass die Emissionen drastisch gesenkt werden müssen und dass wir bis 2030 eine Reduzierung der Emissionen um etwa 45 bis 50 Prozent erreichen müssen. Aber Öl und Gas werden nicht direkt erwähnt. Es heißt Kohle, obwohl jeder weiß, dass wir, wenn wir von Emissionen sprechen, in erster Linie über Emissionen aus fossilen Brennstoffen sprechen. Natürlich dürfen wir die Land- und Forstwirtschaft nicht vergessen.

Auf diese Weise werden Schlupflöcher geschaffen, die die Sache in den nächsten Jahren verkomplizieren – und alles wieder verzögern werden. Und die große Frage, die sich hier stellt, ist: Können wir das Tempo erhöhen, um noch 1,5 Grad zu erreichen? Das können wir mit unseren derzeitigen Bemühungen nicht leisten.

Hans-Otto Pörtner |  Kerstin Rolfes

Hans-Otto Pörtner

Der Klimaexperte forscht seit mehr als 25 Jahren als Meeresbiologe am Alfred-Wegener-Institut zu den Auswirkungen des Klimawandels auf das Leben im Meer. Er ist außerdem Co-Vorsitzender der IPCC-Arbeitsgruppe II, was ihn zu einem der Hauptautoren des Zwischenstaatlichen Ausschusses zur Bewertung des Klimawandels macht.

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tagesschau. de: Sind Sie als Klimaforscher frustriert, dass das 1,5-Grad-Ziel zwar auf dem Papier erreicht, aber kaum zu erreichen ist?

Porter: So ist es. Zwischen Ziel und Umsetzung klafft eine noch größere Lücke. Natürlich muss auch positiv bewertet werden, dass ein Mechanismus, ein Ansatz gefunden wurde. Auch über Schadensersatz beispielsweise und die Finanzierung des Gerätes wurde gesprochen. Das sind alles wichtige Aspekte.

Aber wir haben Umsetzungslücken. Die Initiative der EU, sich von der alten Ansicht zu verabschieden, dass zum Beispiel China, der weltgrößte Emittent, immer noch als Entwicklungsland gilt, ist zu begrüßen, aber China trägt natürlich auch Verantwortung.

Als Wissenschaftler ist es für mich schwer zu erkennen, wann die Politik diesen eigentlich sehr offensichtlichen Ursache-Wirkungs-Zusammenhang verwässert, denn letztlich tragen wir als Menschheit die Verantwortung für den Klimawandel. Es gibt keine guten oder schlechten Emittenten, aber wir alle sind aufgerufen, unsere Emissionen mit so viel Initiative und Ehrgeiz wie möglich zu reduzieren. Weil wir nicht genug Zeit haben. Das Zeitfenster, in dem wir die Erwärmung noch auf 1,5 Grad begrenzen können, schließt sich. Und es wird umso mehr geschlossen, je mehr einige Länder Ausnahmen für sich beanspruchen werden. Und genau das tun Schwellenländer und Verkäufer fossiler Brennstoffe.

Hans-Otto Pörtner, Klimaforscher, mit wissenschaftlichen Einschätzungen zum Abschluss der Weltklimakonferenz in Ägypten

20.11.2022 13:00

“Sie spielen mit der Zukunft der nächsten Generationen”

tagesschau. de: Was passiert konkret, wenn wir 1,5 Grad nicht halten können? Vielleicht ist es vielen noch unklar…

Porter: Selbst vielen Politikern scheint ein tieferes Verständnis dessen, was in unseren natürlichen Lebensgrundlagen auf dem Spiel steht, nicht auszureichen. Bis zu einer Erwärmung von 1,5 Grad können wir viele Risiken noch moderat halten. Außerdem treten wir in Hochrisikophasen ein. Dies bezieht sich auf den Verlust von Menschenleben infolge von Extremereignissen. Wir sehen bereits Hunderte bis Tausende Betroffene, insbesondere bei unzureichenden Anpassungsmaßnahmen.

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Und wir werden einen Verlust der Natur haben. In den Tropen kommt es bereits zu Lebensraumverlusten. Wir verlieren Warmwasserkorallenriffe in alle Richtungen und dieser Trend wird sich fortsetzen. Als Menschen sind wir Teil der Natur. Letztlich gehören wir dem Tierreich an. Und auch für uns wird in den Tropen durch Hitze, Extreme, Dürre und Nahrungsverlust zunächst Lebensraum verloren gehen. Es gibt auch Überschwemmungen. Der Anstieg des Meeresspiegels wird einen Meter überschreiten. All die Dinge, die nicht erstrebenswert erscheinen. Und das sollte jedem klar sein. Und hier darf man keine Kompromisse eingehen, denn man spielt mit der Zukunft der nächsten Generationen.

tagesschau. de: Was soll dieses Dokument enthalten?

Porter: Es wäre klüger, die Erkenntnisse der Wissenschaft allein umzusetzen, als vage Formulierungen und gute Absichten aufzuschreiben. Leider ist dies manchmal eine Folge von Kompromissen in Verhandlungen. Ab 2020 sollten wir die Emissionen jedes Jahr um sieben Prozent reduzieren – davon sind wir noch weit entfernt. Auf jeden Fall, und das ist die jüngste Meinung der dritten Arbeitsgruppe des Weltklimarats, müssen wir bis 2025 massiv an der Reduzierung der Emissionen arbeiten. Und es war bereits ein Kompromiss mit der Realität. Und wir müssen sehr deutlich machen, dass die quantitativen Eigenschaften der Wissenschaft auf diese Weise verwirklicht werden müssen, sonst ist es unmöglich. Und auch die Politik muss verstehen, dass hier wirklich Expertise führend sein sollte und Leitlinien auch konkretisiert werden sollten.

“Falsche Kompromisse”

tagesschau. de: Die Klimakonferenz Nummer 27 ist zu Ende. Waren Sie nach diesem Ergebnis enttäuscht, weil aus wissenschaftlicher Sicht nicht genug passiert ist?

Porter: Als Wissenschaftler bin ich enttäuscht. Weil ich ein mangelndes Verständnis für wissenschaftliche Fakten sehe und weil sie nicht richtig genutzt werden. Und natürlich bin ich auch als Mensch, als Vater, als Großvater sehr enttäuscht, weil ich die Zukunft der nächsten Generationen auf dem Spiel sehe – zum kurzfristigen Nutzen.

Und es gibt einen entscheidenden Nachteil: Das Recht auf Entwicklung wird betont, insbesondere von denen, die fossile Brennstoffe nutzen oder verkaufen. Niemand wird dieses Recht auf Entwicklung, auf die Entwicklung der Wirtschaft in Frage stellen. Aber hier muss ein klarer Zusammenhang hergestellt werden, damit die Entwicklung nur mit Hilfe erneuerbarer Energien möglich ist und das Tempo auf beiden Seiten entsprechend angepasst wird. Auf der einen Seite ist bewundernswert, was China jetzt tut. Wohl kaum ein anderes Land der Erde ist beim Ausbau erneuerbarer Energien so ehrgeizig. Aber dasselbe passiert mit fossilen Brennstoffen, und die Menschheit schießt sich selbst ins Knie. Und so ist dies ein weiteres sehr drastisches Beispiel für falsche Kompromisse und daraus resultierende Verzögerungen.

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„Wir brauchen einen Wendepunkt“

tagesschau. de: Glauben Sie, dass dieser Klimagipfel etwas Positives bringt?

Porter: Positiv zu werten ist die EU-Initiative, die allen großen Emittenten, einschließlich China, die Verantwortung auferlegt. Kein Land kann mehr behaupten, dass wir ein Entwicklungsland sind und daher das Recht haben, viel mehr zu emittieren als andere, und dass dann andere die Kosten für den Schaden tragen, den wir anrichten. Hoffen wir, dass dieses Dilemma bald gelöst wird. Dies ist nicht das Ende der Diskussion. Es gibt einen Weg.

Positiv sind auch Energiepartnerschaften, die Entwicklungsländern helfen sollen, so schnell wie möglich von fossilen Brennstoffen wegzukommen. Positiv ist, dass auch bei der Anpassung Handlungsbedarf besteht und Anstrengungen unternommen werden, ein globales Anpassungsziel zu formulieren. Auch Korrekturen fanden statt. Nehmen wir die Überschwemmungen in Pakistan mit großen Schäden. Und dann nehmen wir Bangladesch, wo es durch Anpassungsmaßnahmen gelungen ist, die Schäden und den Verlust von Menschenleben einzudämmen. Daher wird Anpassung immer wichtiger.

Natürlich sind auch Finanzierungsfragen wichtig. Auch hier gibt es Anzeichen dafür, dass es in die richtige Richtung gehen könnte. Aber die Gesamtbilanz des Klimagipfels sollte lauten: zu wenig, die Umsetzungsgeschwindigkeit, der Durchbruch ist noch nicht erreicht, weitere Verzögerungen können wir uns einfach nicht leisten. Wir brauchen eine Wende, um zu akzeptieren, was Bundeskanzler Olaf Scholz gesagt hat. Und nicht nur in Bezug auf Russland, sondern auf der ganzen Welt gibt es einen Wendepunkt in eine wirklich nachhaltige Zukunft.

Das Interview führte Anja Martini, tagesschau.de und tagesschau24. Es wurde für die schriftliche Fassung bearbeitet.

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