“Alles Moskaus Emissionen”: Russlands Krieg ist auch fürs Klima verheerend

Zuallererst hat Putins Invasion in der Ukraine enormes menschliches Leid verursacht. Aber auch die Umwelt ist betroffen: Hessische Waldflächen wurden bereits zerstört. Zudem rüstet sich die Welt auf – mit gefährlichen Folgen für das Klima.

Alle Panzer der russischen Armee passieren den Donbass. Sie schießen auf Dörfer wie Vodyane oder Krasnohorivka und pulverisieren Städte und Wälder. Währenddessen bombardieren russische Kampfflugzeuge, Drohnen und Marschflugkörper die Energieversorgung im ganzen Land – immer wieder brennen Öldepots, wie zuletzt in Cherson. Mittlerweile leben Millionen Menschen ohne Strom oder Gas. Nach amerikanischen Angaben wurden im Krieg in der Ukraine zweihunderttausend Soldaten beider Seiten getötet und Tausende Zivilisten getötet und verletzt. In erster Linie brachte der Russlandkrieg enormes menschliches Leid mit sich. Zufälligerweise schürt Moskaus Invasion auch eine weitere internationale Krise.

Denn kaum etwas schadet dem Klima mehr als Krieg und Militär. Laut Institut der deutschen Wirtschaft (IW) verbraucht der russische T72-Panzer auf 100 km 250 Liter Kraftstoff – „auf befestigten Straßen deutlich mehr im Gelände“. Dies macht jedoch nur einen Bruchteil der gesamten kriegsbedingten Emissionen aus. Anselm Vogler, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik der Universität Hamburg, erklärt im Gespräch mit ntv.de: „Der Krieg selbst, beispielsweise der kontinuierliche Beschuss durch Artillerie oder Marschflugkörper, setzt große Emissionen frei.“ Laut Vogler sind darin auch Emissionen aus der russischen Logistik enthalten. Panzer, Kriegsschiffe und Kampfflugzeuge verursachen nicht nur eine Menge CO2-Emissionen, sondern transportieren auch Tonnen von Munition, Treibstoff und Vorräten.

Erstmals wurden die durch Krieg verursachten Klimaschäden gemessen. Die „War GHG Accounting Initiative“ kommt im Auftrag der ukrainischen Regierung in den ersten sieben Monaten auf 100 Millionen Tonnen CO2 aus der russischen Invasion. Zum Vergleich: „Das entspricht den gesamten Treibhausgasemissionen der Niederlande im gleichen Zeitraum.“ Fast die Hälfte davon ist auf den Wiederaufbau der Infrastruktur zurückzuführen – die Zementproduktion ist besonders kohlenstoffreich. Die Initiative befasste sich auch mit der Vertreibung von etwa 20 Millionen Menschen aus ihren Häusern und den Lecks der Gaspipelines Nord Stream 1 und 2. Durch den Zersetzungsprozess wurden Hunderttausende Tonnen Methan in die Atmosphäre freigesetzt, das gefährlichste aller Treibhausgase. Wer dafür verantwortlich ist, ist noch unklar. Allerdings ist der Zusammenhang mit dem Krieg in der Ukraine kaum von der Hand zu weisen.

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Das Militär ist für 5,5 Prozent der weltweiten Emissionen verantwortlich

Dies sind jedoch nicht die einzigen direkten Auswirkungen des Krieges. „Krieg verkompliziert auch den Rahmen für echte internationale Zusammenarbeit bei Klimazielen“, erklärt Vogler. Damit stärkt er die Hoffnung in Europa, baldmöglichst auf erneuerbare Energien umzusteigen. „Das zwingt Europa aber dazu, Erdgas durch noch klimaschädlichere Energieträger wie Kohle zu ersetzen.“

Und dann gibt es Waffen auf internationaler Ebene. Der Westen rüstet die Ukraine auf, Russland hat bereits angekündigt, seinen Verteidigungshaushalt um 20 Prozent aufzustocken, die Nato will ihre schnellen Eingreiftruppen aufstocken, und die Bundeswehr bekommt 100 Milliarden Euro für bessere Ausrüstung. Dadurch dürften die globalen CO2-Emissionen deutlich steigen – wie die globale militärische Klimakarte bereits befürchtet.

Laut einer neuen Studie der britischen Wissenschaftsorganisation Scientists for Global Responsibility (SGR) und der Organisation „Conflict and Environment Observatory“ (CEOBS) sind weltweite militärische Aktivitäten für 5,5 Prozent aller CO2-Emissionen verantwortlich. Anders ausgedrückt: Wenn die Streitkräfte der Welt ein Land wären, hätte es den viertgrößten CO2-Fußabdruck – größer als Russland. Forscher des Fachblatts „Nature“ gehen davon aus, dass die tatsächliche Produktion der Weltarmee sogar dreimal so hoch sein könnte. Denn die Studie hat einen Haken: Sie basiert auf Vermutungen. Niemand weiß genau, was internationale militärische Emissionen sind. Nationale Streitkräfte zählen dazu nicht, sie sind ausdrücklich von der Meldepflicht des Pariser Klimaabkommens ausgenommen. Militärische Supermächte wie die Vereinigten Staaten haben dies aus Gründen der nationalen Sicherheit versucht.

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Sicherheit geht nicht ohne Klimaschutz

Einige westliche Länder liefern jedoch Zahlen. Daraus errechnete die Politikwissenschaftlerin Netta Crawford von der Universität Oxford, dass das Pentagon der weltweit größte staatliche Emittent von Treibhausgasen ist. Die Emissionen des US-Militärs machen drei Viertel der CO2-Emissionen der Regierung aus. Forscher in “Nature” rechnen vor, dass allein der Treibstoffverbrauch von US-Militärflugzeugen jährliche Emissionen verursacht, “die sechs Millionen US-Autos entsprechen”. Dagegen ist die vorgelegte Klimabilanz der Bundeswehr beachtlich – Auslandseinsätze nicht mitgerechnet. Dass die Klimabilanz sogar noch größer wäre, zeigt ein Beispiel: Die Bundeswehr hat bei ihrem Einsatz in Afghanistan 55.000 Liter Diesel pro Tag verbrannt. Der ukrainische Podcast von NDR Info berichtete darüber.

Die Treibhausgasemissionen der Streitkräfte sind sehr hoch. Deshalb müsse die Bundeswehr Wege finden, ihre Emissionen zu reduzieren, appelliert Vogler. Denn ohne Klimaschutz keine Sicherheit. “Das Militär kann 80 Millionen Bürger nicht vor Hitzewellen schützen – egal wie fortschrittlich es ist.” Aber eines sei klar: “Panzer und Kampfjets können möglicherweise auch mittelfristig nicht CO2-neutral betrieben werden.”

Für die Ukraine spielen solche Überlegungen derzeit keine Rolle. Bei der Verteidigung Ihres Landes geht es in erster Linie um die Einsatzbereitschaft des Systems. Die ukrainische Regierung ist jedoch besorgt über den Klimawandel – aus gutem Grund. Nach dem Krieg wird Russland für die ökologischen Schäden aufkommen, wie der Umweltminister der Ukraine, Ruslan Sterlits, auf dem Klimagipfel in Sharm el-Sheikh ankündigte. Dazu soll eine Datenbank zur systematischen Erfassung von Klima- und Umweltschäden geschaffen werden. Bis heute wurden mehr als 2200 Fälle von Umweltschäden dokumentiert.

Ganz oben auf der Liste stehen alle gerodeten oder abgebrannten Waldflächen. Der Präsident der Ukraine, Wolodymyr Selenskyj, sagte den Vereinten Nationen, dass bereits rund 20.000 Quadratkilometer Territorium zerstört worden seien. Es entspricht in etwa der Region Hessen. Außerdem ist das Land durch Landminen verseucht oder unbrauchbar.

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Russland muss für Umweltschäden aufkommen

„Aber es gibt auch eine lange Liste von Fällen von Boden-, Wasser- und Luftverschmutzung durch Anschläge“, erklärte Krzysztof Michalak, Leiter der OECD-Abteilung für grünes Wachstum und internationale Beziehungen, im Gespräch mit ntv.de. Maher nennt ein Beispiel: Wenn Raffinerien, Chemieanlagen oder Stahlwerke bombardiert werden, werden Giftstoffe freigesetzt. Das verseuche auf Dauer nicht nur den Boden, sondern sei auch langfristig gefährlich für die menschliche Gesundheit, sagt Michalak. “Übrigens sogar über die Landesgrenzen hinaus.” Giftiger Treibstoff aus Waffen verursacht auch giftige Verschmutzung im Land. Zu den Militärabfällen gehören auch nach der Zerstörung zurückgelassene Militärfahrzeuge. “Aber natürlich sind alle zivilen Autobomben abgeworfen worden.”

Auch Umweltschutz ist kaum möglich, wenn die Infrastruktur nicht mehr funktionsfähig ist. “Wenn ein Ort angegriffen wird, hält der Müllwagen an”, erklärt Michalak. “Danach wird nicht nur der Hausmüll auf der Straße gesammelt, sondern auch der medizinische Abfall aus Kliniken.” Und es belastet die Umwelt ebenso wie all das Asbest und die Schwermetalle, die beim Abriss von Gebäuden freigesetzt werden.

Die ukrainische Regierung rechnet alles zusammen und kommt bisher auf einen Verlust von 34 Milliarden Euro. Ob Russland tatsächlich für diesen Schaden aufkommen wird, bleibt abzuwarten. Die Berechnungen der Ukraine dienen jedoch einem wichtigen Zweck: Sie machen unmissverständlich deutlich, dass dieser Krieg nicht nur menschliches Leid verursacht, sondern auch Umwelt und Klima schädigt. “Alle kriegsbedingten Emissionen sind im Grunde Moskauer Emissionen”, sagt Vogler. Weil es Russland war, das den Krieg begann und mit Panzerkolonnen in die Ukraine einmarschierte.

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